23.10.2002
Main-Echo
... Marjaana Kella
Tausende von Kilometern für packende Bilder überwunden
"Reversed Portraits" von Marjaana Kella in der Galerie Poller und
Uwe Gräbners neue Werke bei Gering in Frankfurt. |
close
|
Was
müssen das für Bilder sein, für die man 2000 Kilometer hin und noch einmal
so viele zurück überwindet, um ihrer habhaft zu werden! Ewa Nowik, die
rührige Kuratorin der Frankfurter Galerie Poller, kommt ins Schwärmen:
»Schauen Sie, ganze zwölf Fotografien, aber was für welche, hat er vom
letzten Zipfel Schwedens geholt, damit sie nicht gleich wieder sonst wo
landen!« Sie meint Horst Poller, den Galeristen, der »ihre« Künstlerin, die
Finnin Marjaana Kella, auf ihre Initiative hin für sein Haus an Land gezogen
hat.
Parallel zu einer Reihe »People in Hypnosis« in Paris - ein ausliegender
Katalog weist höchst eindrucksvolle Menschenbilder in tranceähnlichem
Schlafzustand aus - ein Dutzend »Reversed Portraits«. Was hat man sich
darunter vorzustellen? Schlicht und einfach erst einmal »umgedrehte« Köpfe,
ohne Gesicht, das eine oder andere zaghaft, schemenhaft von der Seite, ein
Ohr, ein Teil des Kinns, die Andeutung eines Auges hinter einer Haarsträhne
verborgen, sonst aber neben Hemd, Pullover nur Haare über Haare. Wer
verbirgt sich hinter diesen anonymen, intimen, verletzlichen Halbfiguren?
Menschen. Und sie sprechen bei Marjaana Kella eine beeindruckende Sprache.
Sie schweigen und reden zugleich, Mit einer Intensität, die zugleich
verblüfft und betroffen macht. Nur bei wenigen dieser Bilder ist das
Geschlecht erkennbar. Rückschlüsse lassen sich allenfalls ziehen auf die
Herkunft.
»Eine Person, die man von hinten abbildet, macht den Eindruck von
Verletzlichkeit, wie wir sie eher von Tieren kennen«, sagt Marjaana Kella
über ihr Anliegen, Distanz zu schaffen zwischen dem, was Auge in Auge
geschieht und dem, was sich dahinter abspielt. Und das ist oft ungleich mehr
als von Angesicht zu Angesicht. Deshalb auch die andere Serie jener, die in
Hypnose nichts wissen von sich - oder vieles über sich erfahren. Diese Fotos
erinnern an Bilder alter Meister. Oder eben auch an Fotorealisten.
Und weil das so ist,
entschloss sich die Chronistin am selben Tag zu einem Besuch »um die Ecke«
bei Ulrich Gering, der seit Jahren den Fotorealismus auf seiner Fahne hat.
Bei ihm ist zeitgleich Uwe Gräbner, der Hausner-Schüler aus Stuttgart, mit
pinselfrischen Bildern seiner typischen Handschrift, der skurrilsten unter
seinesgleichen. Sind sie gemalt oder fotografiert, die Schlüssel,
Leitzordner, Schlipse, zerknitterten Notizbuchzettel, Kinderzähne und, und,
und? Erkennbar wäre das Ganze nur durch jenen Unterschied, den Gräbner vom
Inhalt her macht: Da hängen zwischen den kleinen Zetteln, die aussehen, als
seien sie gerade noch aus dem Papierkorb gerettet, plötzlich, wie
unabsichtlich vergilbte Kinderfotos. Und die sind ebenso gemalt wie der
raffinierte Rest, unterscheiden sich aber durch eine schlitzohrige
»Kleinigkeit«: Gräbner hängt die winzigen Figuren wie Marionetten an ein
Nägelchen, die Beine in der Luft, und der dazugehörende Schatten macht dann
die Täuschung komplett: Er gehört nämlich nicht an jene Stelle, an der man
ihn sieht. Marjaana
Kellas wie auch immer glatte oder gewellte Haarschöpfe möchte man am
liebsten auf ihre Echtheit hin »begreifen«, hat aber eine unwillkürliche
Scheu vor der Sensibilität, mit der sie sich verweigern.
Bei Uwe Gräbner musste die
Chronistin mindestens die Knitter aus den Zetteln streichen. Was ihr
naturgemäß nicht gelang ...
|
Text von Gundel-Maria Busse |
close
|
|