09.09.2002
Frankfurter Rundschau   Seite 12
 ... Marjaana Kella
Kommt gleich der Einbrecher ?
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Der Studiohintergrund ist monochrom und sanft ausgeleuchtet, so dass eine zarte Aura entsteht. Die Körperhaltung ist gerade, lediglich der Kopf ist ein wenig zur Seite geneigt. Auf den Schultern findet sich kein Fussel, die Haare hegen optimal. Am Hinterkopf zumindest, denn mehr zeigen die Porträtierten der finnischen Fotokünstlerin Marjaana Kella, die in der Galerie Poller ausstellt, nicht.

Was wird aus einem Porträt, wenn das Gesicht nicht zu sehen ist? Wie viele Informationen hält eine Rückenansicht bereit? Wie sieht man einen Menschen an, den man nicht im eigentliche Sinn ansehen kann? Der Prozess vollzieht sich allmählich - das Gefiihl des Abgewiesenseins weicht einem detailorientierten Lesen dessen, was übrig bleibt. Genug für ein paar Rückschlüsse über den Träger von Stickereien und einer blondierten Fonfrisur, über die Kombination von grünem Samt und dunklen, vollen Locken, oder den perfekten Schwung einer brünetten schulterlangen Frisur auf teurem Wollstoff.

Einfache Tricks, die Sehgewohnheiten hinterfragen, wendet auch Katharina Sieverding an. Die 1944 geborene Fotokünstlerin stellt bei Michael Neff drei neue Fotoarbeiten aus, deren Format vom Fußboden bis unter die Decke reicht, und kontert sie in einem dreiteiligen, wandfüllenden Spiegel. Sieverding verarbeitet vorgefundenes Material zu vielschichtigen, dreigeteilten Montagen, die vom groben Raster des Reproduktionsprozesses gekennzeichnet sind. Mal geben die Farben Schwarz, Rot und Gelb Aufschluss, mal ist es ein Kreuzritterhelm oder eine schemenhaft erkennbare Waffe, die auf ihre immer wieder kehrende Thematik hindeutet: Die Beuys-Schülerin verweist in ihren suggestiven Arbeiten auf politische Zusammenhänge, wobei die von ihr reflektierte Realität stets von einem höchst subjektiven Standpunkt ausgeht.

Die großformatigen Fotoarbeiten von Matthias Hoch bei Wilma Tolksdorf dagegen simulieren Objektivität. Die Fotografien des in Leipzig lebenden Künstlers haben visuelle Macht. Seine Aufnahmen von Innen- und Außenräumen sind nüchterne Details von Architektur. Das strenge Gefüge aus Linie und Farbflächen könnte für abstrahierte, auf formelhafte Zeichen zusammengekürzte Wirklichkeit gehalten

werden. Dabei ist es egal, ob es nun Brüssel oder Ravensburg ist, so lange es Matthias Hoch ist, der guckt und Treppenhäuser, Fahrstuhleingänge oder die Mauerkanten in einem Skaterpark mit der Großformatkamera unerbittlich und bis zur vollkommenen Allgemeingültigkeit zurechtrückt.

Der Frankfurter Fotograf Gerald Domenig hingegen sammelt Architekturen wie seltsame Anschauungsobjekte irgendeiner unspektakulären Gattung. Seine Schwarzweißfotografien von verbauten Einfamilienhäusern, Scheunen, Garagen und Straßenzügen ergeben in der von ihm gewählten Zusammenstellung von sechs Aufnahmen pro Rahmen ein hintergründiges Netz von Sonderbarkeiten. Grotesk angeordnete Fenster nehmen Kontakt auf zu unvollständiger Gebäudebeschriftung, ein Giebel korrespondiert mit der Form eines Stockflecks, und die Blickwinkel und Fluchtachsen, in denen sich alles zueinander verhält, stimmen fast nie. Manchmal nicht einmal in ein- und demselben Bild.

Gerade einmal fünf Galerien eröffnen diesen Herbst mit künstlerischen Positionen aus der Fotografie - sofern man Oliver Boberg noch dazu rechnen kann. Der 1965 geborene Fotokünstler, der mit seinen täuschenden, abfotografierten Modellen von Architektur bekannt geworden ist, hat das Medium gewechselt und führt seine-Untersuchungen im Film fort. Night Sights heißen die neuen Arbeiten, die in der L.A. Galerie erstmals gezeigt werden, in denen Boberg nächtliche Filmsets nachgestellt hat. Eine Hecke, dahinter eine Haus, bläuliche Dunkelheit, und Regen reichen aus, um den Zuschauer in Erwartungshaltung zu versetzen. Gleich kommt für gewöhnlich ein Einbrecher oder es ereignet sich eine Geiselnahme - zumindest im Hollywoodfilm. Der Establishing Shot, die Einstellung, die eine Szene emotional vorbereitet, dehnt Boberg allerdings ins Unendliche, bis die Spannung in sich zusammenfällt, und der Blick für die Ungereimtheiten wach wird. Woher kommt das Licht eigentlich, was hat es mit den bloß gelegentlich beleuchteten Fenster auf sich, und bei welcher emotionalen Konditionierung macht man hier überhaupt bereitwillig mit?

Auf Bobergs bewegten Bildern bewegt sich kaum etwas, bis auf ein bisschen Nebel oder Regen. Alles ist falsch, und trotzdem fühlt es sich echt genug an, um normalerweise nicht hinterfragt zu werden.

Text von Silke Hohmann

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