11.12.2002
Frankfurter Rundschau Seite 29
... Götz Diergarten
Keine
Nachmieter - Junge Fotografen gewähren Blicke auf und in Häuser |
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Zwischen den Lamellen des rosafarbenen Lampions ist schon lange kein Licht
mehr ausgetreten. Irgendwann stand hier mal eine Schlafzimmergarnitur aus
dem Möbelkatalog, weißer Schleiflack womöglich, und zwei flauschige
Bettvorleger im selben ehemaligen Farbton der mittlerweile ausgeblichenen
Lampe lagen zu beiden Seiten neben dem Ehebett. Jetzt ist alles weg, bis auf
die Leuchte und die Tapete in blau geblümtem Design. Besenrein. Keine
Nachmieter, die sich im Treppenhaus drängen, überhaupt kein Mensch, nur
Spuren, denen ihre Zeit nicht anzusehen ist.
In die Mietshäuser, in denen Laurenz Berges fotografiert, zieht niemand mehr
ein. Der 1966 geborene Fotokünstler sieht sich in den Behausungen der durch
Arbeitslosigkeit entvölkerten Gegenden des Ruhrgebiets um und sucht lange
und ausgiebig. Kehrt zu verschiedenen Tages- und Jahreszeiten an dieselben
Orte zurück, prüft die Gegebenheiten bei unterschiedlichen
Lichtverhältnissen, bleibt der Atmosphäre auf den Fersen, spürt etwas auf.
Was es ist, vermag er nicht zu formulieren, aber er weiß, wenn es da ist. An
den Rändern einer Tapete, oder zwischen den Staubspuren, die eine Küchenuhr
an der Wand hinterlassen hat. An der Kante, die zwischen beiger Auslegware
und tapezierter Wand mit blumenpflückenden Kindern verläuft, oder in einer
sonderbaren Nische unter dem Dach, die nur mit der Balkenkamera so
symmetrisch einzufangen ist, wie Berges es sich für seine Motive wünscht.
Das allzu Narrative sucht er in seinen Arbeiten dennoch zu vermeiden. Die
Assoziationen, wer hier wie gehaust haben könnte, laufen ins Leere, zu vage
sind die Anhaltspunkte. Sozialstudien sind nicht das Thema des
Becher-Schülers.
Götz Diergarten, Berges' 1972 geborener
Kollege, war ebenfalls Schüler von Bernd Becher an der Düsseldorfer Akademie
und trägt die prägnante Handschrift der Fotoschule, aus deren erster
Generation in den achtziger Jahren Künstler wie Candida Höfer, Thomas Struth
oder Andreas Gursky hervorgingen. Ihnen gemeinsam ist der scheinbar
sachlich-dokumentierende, doch in Wahrheit höchst artiflziell erzeugte Blick
auf die Dinge.
Diergarten bleibt dabei im Gegensatz zu Berges an der Oberfläche. Seine
Materie sind Hausfassaden, die durch unerbittliche Frontalperspektive nahezu
zweidimensional wirken. Die Kompositionen aus verschiedenen Flächen -
Rollläden, Haustüren, Putz, Kacheln - haben kompositorische Qualitäten, die
an Farbfeldversuche oder Zeitschriftenlayout denken lassen. Heraus stechen
allein gekonnt gesetzte typografische Elemente wie Hausnummern oder
Schilder. Dabei ist das geglückte Verhältnis der Flächen zueinander nicht
allein der unabsichtliche Verdienst der Architekten, sondern größtenteils
der von Götz Diergarten und seiner Gestaltungsleistung im Sucher der Kamera.
Da sitzt jeder Winkel, und nie schlagen Farbe oder Form über die Stränge.
Während Diergarten an der Oberfläche der abweisenden Spießbürgerfassaden und
ihren gestalterischen Merkwürdigkeiten bleibt, erzählen die Bilder von
Laurenz Berges vom Unbehaustsein selbst, losgelöst von Bewohnern oder
Urhebern. Die Räume in seinen Fotografien bezeugen zwar Unspektakuläres, sie
sind spröde und unzugänglich. Aber trotzdem behalten sie, jenseits aller
Sozialdokumentation, ein Geheimnis für sich. Das, was der Künstler selbst
nicht benennen kann, sondern nur flüchtig aufspürt, steckt in den
schattigen Winkeln unterhalb des Fensters oder in der Geraden des Fußbodens,
die sich unmerklich senkt. In den hoffnungslos unmodernen Tapetenmustern
oder zwischen den Lamellen des rosafarbenen Lampions, durch die nie wieder
Licht austreten wird.
Götz Diergarten, „Gute Häuser, schlechte Häuser", Galerie Poller,
Brückenstraße 9-11, bis 28. Januar 2003
Laurenz Berges, Galerie Wilma Tolksdorf, Hanauer Landstraße 136, bis 30.
Januar 2003, Galerieferien: 21.12. bis 11.1.
| Text von
Silke Hohmann |
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