27.02.2004 - Nr. 49
Frankfurter Allgemeine Zeitung (Rhein-Main-Zeitung)  Page 58
Schönheit des Augenblicks - Arbeiten von Jasper Wiedeman bei der Galerie Poller
by Christoph Schütte
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Eigentlich müßte man ihnen Namen geben. Also nicht schlicht "Salvia", "Rudbeckia" oder "Geranium", wie Jasper Wiedeman seine Arbeiten nach der lateinisch exakten Benennung betitelt. Denn dem 1963 in Amsterdam geborenen Fotografen geht es in seinem Zyklus "Garden Series", der derzeit in der Frankfurter Galerie Poller (Brükkenstraße 9-11), zu sehen ist, nicht um die wissenschaftliche Erfassung und exakte Dokumentation, wie sie noch für die Malerei des 17. Jahrhunderts im Vordergrund gestanden haben mag. Seine Bilder von einzelnen, gerade eben aufbrechenden Blüten, von verlockend sich streckenden Staubgefäßen in tiefem Rot, von scheinbar keck die Hälse reckenden, frech den Rachen aufreißenden Blumen stehen nicht für die Gattung, sondern, als genau beobachtete, ihr Motiv abtastende Porträts, für gerade diese und keine andere Pflanze.
Daran läßt die Inszenierung keinen Zweifel. Mit der Großformatkamera aufgenommen, fotografiert Wiedeman seine "Modelle" stets vor neutralem Hintergrund im Studio. Nichts ist hier beliebig, und fast möchte man von einer intimen persönlichen Beziehung des Künstlers zu seinen Motiven sprechen, zieht und pflanzt und beobachtet er die meist aus Asien und Europa stammenden Pflanzen doch im eigenen Garten, bis er den entscheidenden Moment für gekommen hält: jenen Augenblick, in dem das zarte, die Blüte; umhüllende Häutchen bricht, das erste leuchtende Blütenblatt der „Catananche Caerulea" dem Betrachter gleichsam die Zunge berausstreckt oder aber den Blick auf die voll entfaltete, glühende Pracht im Innern freigibt.
Daß Wiedeman die "Seele in seinen Objekten" suche, wie er sagt, mag man für aussichtslos halten, nicht einzulösen mit den Mitteln der Fotografie. Entscheidender ist die Suche selbst, der aufmerksame, konzentrierte Blick, der noch feinste Farbadern und malerisch zu nennende Nuancierungen detailgenau festhält. Und wer will, mag hier etwas ahnen vom Wesen hinter und in den Dingen. Kaum etwas aber deutet darauf hin, daß in jenem Moment des Erblühen unweigerlich das Ende sich ankündigt.
 

Text by Christoph Schütte

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