06.06.2005
Main-Echo | Kultur
Weil nicht sein kann, was nicht
sein darf
Stadtlandschaften-Fotos von Barbara Sophie Nägle in der Frankfurter
Galerie Poller |
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Wer mag wohl Zeitung
gelesen, Tee getrunken, Karten gespielt, Hausaufgaben gemacht, ferngesehen,
sich gefreut und geärgert haben hinter der armseligen Fassade jener »Nr.
76«? Schlimm, ganz schlimm sieht sie aus, die von innen notdürftig
zugepappte Tür, schlimm, ganz schlimm alles auch um sie herum ... Schlimm
auch und Mitleid heischend, weil zum Sterben verurteilt, wirkt das kleine
Bäumchen vor der riesigen Hauswand, an der ein vergessenes Stromkabel eine
lang zurück liegende Geschichte erzählt: Ich sollte mich hier um Licht und
Leben kümmern. Irgendwer hat mich vorsorglich da hingelegt, und nun liege
ich da immer noch. Niemand braucht mich mehr, niemand vermisst mich ... Und
dann gibt es dieses total demolierte Heck der einstmals schnittigen
Limousine an der Bordsteinkante. Vergammelt, verrostet, vergessen. Schlimm,
ganz schlimm. Und dennoch sind sie liebenswert, bei aller morbiden
Ausstrahlung, die höchst sensibel fotografierten Stadtlandschaften der in
Würzburg geborenen Barbara Sophie Nägle, die das Was und Wie sie es zeigt,
richtig studiert hat, Meisterschülerin von Stephen Shore am New Yorker Bard
College war, dort oft auch lebt und arbeitet und nun ihre letzten Bilder
auch dort fand und in der Frankfurter Galerie Poller ausstellt.
Was macht sie aus, diese Fotos, warum sind sie bei aller Hässlichkeit so
ästhetisch und provokant zugleich, warum steht man fasziniert davor, aber
auch irgendwie aggressiv? Weil eigentlich nicht sein kann, was nicht sein
darf. Weil eigentlich Schrottkisten entsorgt gehören, das Pflänzchen vor der
Hauswand Wasser braucht und in einem Haus Menschen leben sollten. Und weil
das eben nicht so ist, sondern leider überall auf der Welt anders, deshalb
legt Barbara Sophie Nägle den Finger in die Wunde. Und sie tut das mit
großem künstlerischen Einfühlungsvermögen. Und sie erreicht, dass man sich
wie Joachim Ringelnatz Gedanken macht über jenes »arm Kräutchen«, das Qualm
schluckt an den Bahngeleisen, »schwindsüchtig und verloren«. Und obwohl die
Menschen es vergessen, überlebt es ebenso wie fast alle Gräser und Hecken
bei Nägle. Die sind es nämlich, denen trotz der Nichtachtung seitens derer,
die sie hegen und pflegen sollten, fast nichts von ihrer grünen Farbe
verlorengeht. Und diese Hoffnung macht Nägle sichtbar.
| Text by
Gundel-Maria Busse |
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