16.12.2005
Main-Echo
Kultur
Menschenleere Fassaden
Werke Christian Gieraths' in Frankfurter Galerie Poller |
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Ein guter
Deutschlehrer ist doch Gold wert. Der lässt auch schon einmal etwas
auswendig lernen. Balladen zum Beispiel. Die Rezensentin hatte so einen. Bei
ihm gab, es nicht nur den Erlkönig, die Kraniche und/oder den Taucher,
sondern auch weniger bekannte, dafür aber drastisch-gruselige wie »Des
Sängers Fluch« von Ludwig. Uhland.
Sie könnte Pate gestanden haben zumindest bei einer der riesigen
Fotoarbeiten des jungen Düsseldorfer Kunstakademie-Absolventen Christian
Gieraths in der Frankfurter Galerie Poller: "Nur eine hohe Säule zeugt von
verschwundener Pracht, auch diese, schon geborsten, kann stürzen über
Nacht." Eine hochdramatische Geschichte mit vielen Strophen geht so zu Ende.
Wer sich da nicht den Schauplatz vorstellen kann, hat keine Fantasie.
Christian Gieraths hat das Zeug dazu. Er "schießt" Motive, wie' sie
beklemmender, echter, aber auch statischer und damit einsamer kaum sein
können. Schauplatz Havanna also, die "Flaniermeile" Malecon: Im
breiträumigen Vordergrund sieht man eine offenbar viel befahrene Straße.
Leer. Ohne Auto, ohne jedes Leben. Grau, armselig, verlassen. Der Blick
fällt sofort auf eine Hausruine. Schuttberge zeugen von langem Verfall. Ein
paar "Säulen" halten das Ganze zusammen. Aber niemand möchte und sollte dort
vorbeigehen oder fahren. Und noch eine Gedichtstrophe wird lebendig beim
Anblick dieser Szenerie: "In leeren Fensterhöhlen wohnt das Grauen".
Und dann ist da plötzlich dieses merkwürdige blaue Licht. Es kommt von
irgendwo her. Fällt auf die Straße, windet sich durch die Fassaden, kündet
von etwas, das man nicht sieht. Aber auch dieses Licht macht keine Hoffnung.
Der erfroren wirkende Mensch an der Wand des Nebengebäudes, dessen Amphoren
auf der Zinne von besseren Zeiten erzählen, sieht aus, als sei er bereits
tot. Und so geht das weiter. Auch die ebenso menschenleeren Hochhäuser in
Tokio mit einem zu keinem Wettspiel einladenden Bolzplatz davor sind
Kulisse, aber nicht Leben. Aber da ist Leben, da sind Menschen. Da wird
gekocht, geglotzt, geschlafen, gelacht, geliebt. Es fällt schwer, sich das
vorzustellen. Der Mensch wird bei Gieraths zur Nebensache. Alles wird zur
Requisite.
Das "Parkdeck" irgendwo in Tokio mit seinem nervösen Gewirr aus Eisenträgem
und den Schatten auf dem Boden rundet die urbanen Geschichten eines
Künstlers ab, der sie sensibel demaskiert, die Gesichter einer Stadt. Am
Beispiel von Tokio und Havanna. Der sich einfühlt in die Kälte von Design
und Zerfall. In die "verschwundene Pracht", in Hässliches und Schönes, in
das, was war und ist: Ins Leben eben.
| Text von
Gundel-Maria Busse |
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