08.09.2004
Frankfurter Rundschau  
Feuilleton  page 17
Entdeckungen in der Leere
Christian Gieraths' quadratische und strenge Blicke auf Kapstadt in der Frankfurter Galerie Poller
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Entdeckungen in der Leere
Christian Gieraths' quadratische und strenge Blicke auf Kapstadt in der Frankfurter Galerie Poller
VON WILHELM ROTH
Eine riesige leere in Grün-Blau gehaltene Halle, keine Bestuhlung, oben eine Wabendecke mit Scheinwerferbatterien wie im Operationssaal, überall kleine Müllhaufen, Kartons, ein paar Männer am seitlichen Bildrand - Aufräumungsarbeiten also nach einer Großveranstaltung. Von der Decke hängen noch einige Werbebanner herab: "Welcome to Cape Town" oder "10 Years Democracy". Wir sind also in Kapstadt.
Diese Stadt ist das Thema der neuesten Serie des jungen deutschen Fotografen Christian Gieraths. Vier Wochen hat er in diesem Jahr dort verbracht, etwa 1000 Aufnahmen gemacht, davon ist eine konzentrierte Auswahl jetzt in der Frankfurter Galerie Poller zu sehen. Die Bilder, 50 mal 50 Zentimeter oder 120 mal 120 Zentimeter groß, wirken vor allem durch ihre Klarheit, ihr räumliche Tiefe, sie geben dem Betrachter die Chance, Entdeckungen zu machen.
Gieraths, ein Schüler von Thomas Ruff und damit in der zweiten Generation von Hilla und Bernd Becher, überzeugt durch einen - wenn es das überhaupt gibt - objektiven, sachlichen Blick, oft aus der Ferne, zumindest aus einer gewissen Distanz. Er manipuliert den Betrachter nicht durch ungewöhnliche Blickwinkel oder eine raffinierte Lichtregie, auch im Großformat wirken seine Aufnahmen nicht überinszeniert, sie bleiben so einfach wie sie sind. Und er versucht nicht, die Betrachter für sich zu gewinnen durch spektakuläre Schönheiten oder touristische Attraktionen. Ihn interessieren Zweckbauten, eine Konzerthalle, ein Krankenhaus, eine Feuerwache, er fotografiert dort Korridore und Treppen oder eine ziemlich marode Küche. Wenn er nach draußen geht, nimmt er eine Vorortsiedlung auf, einen Friedhof, ein Schwimmbad, einen ziemlich öden Felsenstrand, einen Bowling Club. Menschen sind nur selten zu sehen, und dann aus der Ferne wie Zaungäste, die gleich wieder verschwinden werden. Wenn man es auf einen Begriff bringen will: Gieraths fotografiert die Leere. Das kann man auch politisch verstehen, was nicht seine Absicht ist: die Anonymität gegenwärtigen Lebens.
Der sehr schöne Katalog (15 Euro) enthält neben den Bildern aus Kapstadt auch Beispiele aus früheren Serien, aus dem Seebad Sotchi (2000) und aus Bukarest (2002). Vor allem aus Sotchi gibt es noch pittoreske Ansichten. Inzwischen ist Gieraths' Stil strenger geworden, ausgereift.

Illustration
Verrät nichts weiter: Bild einer Turnhalle in Kapstadt aus Christian Gieraths Reihe "CT_laid back.inside"
Christian Gierat
hs, turnhalle schule 3, 2004, c-print on aluminium, edition of 6, 50 x 50 cm + 120 x 120 cm (19.7" x 19.7" + 47.3" x 47.3")

Text von Wilhelm Roth close