06.01.2005
Frankfurter Rundschau
Feuilleton page 16
Das Fisch-Insekt
Eine Welt,
die das Riesige neben das Winzige stellt: Fotografien von Claudia
Fährenkemper in der Frankfurter Galerie Poller |
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VON WILHELM ROTH
Wenn man durch die Fotoausstellung von Claudia Fährenkemper geht, trifft man
auf großformatige Schwarzweißaufnahmen, die man nicht einordnen kann, die
gleichwohl faszinieren und viele Assoziationen auslösen. Man sieht
kugelförmige Gebilde mit Haaren und Stacheln, man glaubt Blätter zu
erkennen, Netze, sanfte Hügel oder Fischschwärme unter Wasser. Tatsächlich
aber handelt es sich um extrem vergrößerte Details von Insekten, aufgenommen
mit einem Rasterelektronmikroskop, dem eine Kamera angeschlossen ist. Mit
solchen Geräten werden normalerweise wissenschaftliche Aufnahmen gemacht,
die Gegenstände werden nicht eigentlich fotografiert, sondern mit einem
Elektronenstrahl abgetastet, der Vorgang dauert etwa eineinhalb Minuten.
Claudia Fährenkemper nutzt diese Möglichkeiten, um eine fantastische Welt zu
bauen, die den Augen nicht zugänglich ist, einen Kosmos, der aus sich heraus
zu leuchten scheint, durch Tiefenschärfe und Brillanz fasziniert. Manchmal
sind winzige Härchen in verschieden starken Vergrößerungen zu sehen und man
erkennt sie in der zweiten Version nicht wieder. Eine Fotografie, die eine
Art Lampion auf einer Sandwelle zu zeigen scheint, ist das Resultat einer
dreitausendfachen Vergrößerung. Aber auch wenn man das nun alles weiß,
verlieren die Bilder nichts von ihrer Zauberkraft.
Die 1959 in Castrop-Rauxel geborene Fotografin hat auch bei Bernd Becher in
Düsseldorf studiert, der - zusammen mit seiner Frau Hilla - durch Serien von
Industriebauten berühmt wurde, so von Fördertürmen, Hochöfen oder
Wassertürmen. In einem früheren Projekt, von dem in der Ausstellung
gleichfalls einige Beispiele hängen, ist Claudia Fährenkemper der Spur jener
riesenhaften Bagger gefolgt, die im Braunkohletagebau verwendet werden, im
Rheinland und in der ehemaligen DDR. Aber anders als Becher geht es ihr
nicht um die Typologie dieser Maschinen, sondern um ihre Funktionsweise, man
sieht, wie durch sie die Landschaft verändert wird. Und so wie die
Mikroaufnahmen der Insekten die Fantasie der Betrachter in Bewegung setzen,
können es auch die Fotografien dieser Bagger tun, die wie Drachen die Erde
aufzuwühlen scheinen.
Illustration
Die Braunkohle schürfte jener Riesen-Schaufelradbagger, den Claudia
Fährenkemper 1991 in Garzweiler fotografierte.
Claudia Fährenkemper,
Schaufelradbagger 258 I, Garzweiler 1991, edition
of 8, ca. 26,5 x 50,5
cm (10.5" x 20")
| Text by
Wilhelm Roth |
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